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BMG Entertainment hat Anfang der Woche zwei neue AudioCDs ('Razorblade Romance' von HIM und 'My Private War' von Philip Boa & The VoodooClub) auf den deutschen Markt gebracht, die mit einem neuartigen Kopierschutz versehen sind. Der Schutz wurde von der israelischen Softwareschmiede Midbar und der deutschen Sonopress entwickelt, und soll das Abspielen der CD in PC-CDROMs (und damit sowohl das Kopieren als auch das Umwandeln in andere Formate, z.B. MP3) verhindern. Gleichzeitig soll die Wiedergabe in Hifi-CD-Playern nicht beeinträchtigt werden.
Soweit die Theorie. Als erstes berichtete future.lion.cc am letzten Wochenende davon, und auch auf dem Heise Newsticker wurde zweimal darüber geschrieben (am 25. und 26.). In de.comp.hardware.cd-brenner wurde schon die ganze Woche darüber diskutiert, ob und wie der Schutz funktioniert. Nun bin ich ja ein ziemlich neugieriger Mensch, und als solcher konnte ich nicht anders und hab' mir das Album von HIM auch gekauft. Hier nun die vorläufigen, gesammelten Ergebnisse.
Als erstes: Der Schutz funktioniert wirklich, wie mir auch viele Leser bestätigt haben (Danke für die ganzen Mails - werden natürlich auch noch alle beantwortet). Nur leider tut er das so 'gut', daß nicht nur PCs damit zu kämpfen haben, sondern auch viele alte CD-Player. Der Schutz äußert sich darin, daß das Abspielen der CD einfach nach 28 Sekunden abrupt stoppt, je nach CD-Player laufen dann noch die restlichen Tracknummern durch, und das war's dann. Betroffen sind aber auch diverse High-End-Geräte, so wird z.B. von einem Radiosender berichtet, der trotz mehrfacher Versuche seinen Hörern immer nur die ersten 28 Sekunden des neuen Albums präsentieren konnte.
Das Tracklayout sieht so aus (gepostet von Jörg Schilling):
| Track | Start (LBA) | Start (MSF) |
| 1 | 0 | 00:02:00 |
| 2 | 14196 | 03:11:21 |
| 3 | 31526 | 07:02:26 |
| 4 | 47782 | 10:39:07 |
| 5 | 66039 | 14:42:39 |
| 6 | 85690 | 19:04:40 |
| 7 | 105054 | 23:22:54 |
| 8 | 124276 | 27:39:01 |
| 9 | 139191 | 30:57:66 |
| 10 | 152599 | 33:56:49 |
| 11 | 169076 | 37:36:26 |
| 12 | 193085 | 42:56:35 |
| 13 | 210769 | 46:52:19 |
| lout | 2100 | 00:30:00 |
Wie unschwer zu erkennen ist, wurde die TOC manipuliert und eine falsche Position für das Leadout angeben - 00:30:00 (normalerweise ist das Leadout nach dem letzten Track). Dies erklärt auch, daß die Länge des letzten Tracks immer falsch angezeigt wird - ein korrekter Wert dafür läßt sich ja nicht ablesen.
Mir ist es nicht gelungen, die CD komplett auszulesen. Versucht habe ich es mit einem Plextor PX-40 (Firmwares 1.01 und 1.03), Plextor PX-W4220 (Firmware 1.01), Plextor PX-W8432 (Firmware 1.05), Yamaha CRW4416S (Firmware 1.0h) sowie einem Pioneer 12x und einem Notebook. Den größten Erfolg hatte ich noch mit dem Yamaha - immerhin wurde der erste Track komplett gelesen, alle weiteren Versuche scheiterten. Auch die zum Auslesen verwendete Software spielte keine Rolle (PlexTools 1.04, CloneCD 1.0.2.4, CDRWin 3.8A, EAC 0.85, AudioCatalyst 2.1, AudioGrabber 1.61). Man hört zwar hier und da, daß es doch funktionieren soll (u.a. mit einem Yamaha 4416S sowie mit einem Plextor-CDROM zusammen mit CDRWin) - aber leider ließ sich keine dieser Erfolgsmeldungen nachvollziehen. Eins hat mich aber schon verwundert: Obwohl meine PX-40 die CD nicht auslesen können, funktioniert die Wiedergabe als Audio-CD, wenn sie über den Play-Button am Laufwerk gestartet wird (und nicht per Software-CD-Player).
Das Problem dabei scheint in der Firmware der Laufwerke zu liegen. Diese lesen beim Einlegen einer CD die TOC und merken sich, wo das Leadout beginnt (zumindest den Wert, der in der TOC steht). Schickt eine Software einen Lesebefehl zum Laufwerk, so wird erst geprüft, ob der zu lesende Sektor überhaupt innerhalb des auf der CD belegten Bereiches (also vor der Startposition des Leadout) liegt. Ist dies nicht der Fall, meldet das Laufwerk einen Fehler und führt den Lesevorgang gar nicht erst aus. Die Lösung wäre also eigentlich relativ simpel - eine Firmware, die eine Leseanforderung einfach ausführt, ohne eine entsprechende Prüfung vorzunehmen, und nur bei einem echten Lesefehler ebendiesen zurückmeldet. Dies scheint aber (zumindest mit den mir zur Verfügung stehenden Laufwerken/Firmwares) im Moment eine Wunschvorstellung zu sein.
Es gibt aber auch den ein oder anderen Silberstreif am Horizont: Der c't ist es gelungen, mit einem Audio-Recorder (Philips CDR-765) eine Kopie der HIM-CD zu erzeugen, die sich anschließend ohne weiteres Kopieren läßt, und auch eine digitale Kopie über einen SPDIF-Ausgang ist möglich.
BMG hat bereits eine zweite Pressung der CDs an den Handel geliefert, diesmal ohne Kopierschutz. Betroffene Käufer können also darauf hoffen, die CD ohne weiteres gegen ein ungeschütztes Exemplar ausgetauscht zu bekommen. Der Schluß liegt nahe, daß man erst einmal die Reaktion auf den neuen Schutz testen wollte - nur auf der CD selbst ist ein Hinweis auf den Kopierschutz zu finden, auf dem Cover nicht (siehe auch die beiden eingescannten Bilder auf dieser Seite). So muß im Fall einer Nachpressung nur der Aufdruck der CD neu gestaltet werden, aber nicht die komplette Verpackung.
Nach dem zweifelhaften Erfolg dieses 'Tests' darf man gespannt sein, wie es weitergeht - und ob bald nur noch CDs mit Kopierschutz verkauft werden. Aufgrund der diversen Probleme zweifle zumindest ich daran.
Update (00-04-17): Ich hatte zufälligerweise Gelegenheit, ein Plextor PX-40 der neuen Generation (mit Firmware 1.1x) zu testen (mehr dazu demnächst in einem eigenen Artikel). Dabei habe ich auch wieder die HIM-CD ausgepackt - und siehe da, das PX-40 liest sie! Offenbar hat Plextor sich bei den Changelogs etwas vertan, denn dort steht, daß die neue Firmware "Playability by PLAY button of Audio CD's with wrong Lead Out info in TOC" verbessert. Wie bereits oben beschrieben, spielt das Laufwerk die CD ja auch mit der alten Firmware, wenn man den Play-Button verwendet.
Das hat mich neugierig gemacht, und ich hab's nochmal mit dem PX-W8432 probiert (auch bei diesem wurde die gleiche Verbesserung in der aktuellen Firmware 1.07 implementiert) - und siehe da, auch er kann die CD jetzt lesen. Vermutlich gilt für den R820 und den W8220 mit den neuen Firmware-Versionen (1.07 bzw. 1.04) das Gleiche (das Changelog deutet jedenfalls darauf hin).
Tracks 1 bis 12 lassen sich mit jedem Grabber in Verbindung mit den genannten Laufwerken lesen (das Plextor PX-40 meldet übrigends ca. 50-200 C2-Fehler pro Track, wenn die PlexTools zum Grabben verwendet werden). Problematisch ist Track 13, PlexTools und CDRWin melden direkt "erfolgreich gegrabbt", ohne wirklich zu lesen (vermutlich stört das falsche Leadout die interne Berechnung des auszulesenden Bereichs). Aber CDRWin kann ja auch einzelne Sektoren lesen, und damit klappt's dann auch mit Track 13. Wirklich Schluss ist bei Block 234292 mit dem PX-W8432 (bzw. 234294 mit dem PX-40, es liest die beiden run-out Blocks noch mit). Bei Leseversuchen über diesen Bereich hinaus kommt eine Fehlermeldung (05h 63h 00h - "end of user area encountered on this track" - beim PX-W8432, 05h 21h 00h - "logical block address is out of range" - beim PX-40; das Erkennen des 'echten' Endes der CD scheint kein Problem zu sein) und der Lesevorgang wird abgebrochen.
Fazit: Zumindest für Besitzer obiger Laufwerke hat der Schutz seinen Schrecken verloren. Die Tatsache, daß Plextor als einziger Hersteller angepaßte Firmwares herausgebracht hat (und das nicht nur für die aktuellen Modelle), zeigt mal wieder, wie sehr mal sich dort offenbar um die Zufriedenheit der Kunden bemüht. Ich wußte es schon immer - Plextor rulez! :)
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